Ist "immer mehr bauen" tatsächlich das Rezept gegen die Wohnungsnot? Foto: Stemmann

Neubaugebiete contra Klimaschutz

Zu der bisherigen Berichterstattung in der V.A.Z. zur Wohnraumpolitik und zum Klimaschutz schreibt Frank-Peter Seemann, Fraktionsvorsitzender Bündnis 90 / Die Grünen

„Spekulative Überbewertung“ und „Finanzexperten warnen vor Immobilienblase“ so die Schlagzeilen eines Berichts auf www.n-tv.de vom 9. Juli des Jahres.

Vor etwa zehn Jahren ist die Immobilienblase in den USA geplatzt. Die Schockwellen sind um die ganze Welt gegangen. „Eine aktuelle Studie warnt jetzt für Deutschland: Bei den Preisen, die hierzulande inzwischen für Objekte aufgerufen werden, droht eine Immobilienblase 2.0.“ (vgl. www.n-tv.de)

Am nächsten Tag folgte ein Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Stadtplanungsexperten Daniel Fuhrhop von der Universität Oldenburg, welches mit den Zitaten „Bau-Überfluss“ in Deutschland und „150.000 Wohnungen wurden zu viel gebaut“ überschrieben war.

Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Fuhrhop räumt mit der gängigen Ansicht auf, dass in Deutschland zu wenig gebaut wird. Die Krise auf dem Wohnungsmarkt habe andere Ursachen, erklärt er in dem n-tv.de Interview. Der politisch forcierte Neubau sei sogar massiv schädlich für das Klima. Er führt aus, dass meist viel mehr Energie benötigt werde, ein Haus zu bauen, als es während einer Lebensdauer von 50 oder mehr Jahren zu beheizen. Die Sanierung von Altbauten sei viel klimaschonender im Vergleich zum Neubau.

Nach seiner Meinung ist die Politik ganz auf das Bau-Dogma fixiert und unternimmt kaum etwas, die Möglichkeiten zusammenzurücken konsequent zu nutzen.

Getragen von der CDU-Mehrheitsfraktion und mit Unterstützung der SPD sind in Kirchlinteln weiterhin die Baugebiete „Ritterallee II“, „Heidberg-West“ und „Heidberg-Ost“ in Planung. Mehr als 100 Neubauten könnten nach Rodung des Waldstückes im Lindhoop und dem Verlust von gut 20 Hektar landwirtschaftlicher Nutzflächen entstehen. Das Waldstück und auch die landwirtschaftlichen Flächen sind überdurchschnittlich wertvoll und insbesondere für den Klimaschutz von ganz besonderer Bedeutung.

Es ist überhaupt keine Frage, dass Wohnungsnot wirksam bekämpft werden muss, und auch bezahlbarer Wohnraum zu schaffen ist.

Für eine strategische Herangehensweise einer nachhaltigen Wohnraumpolitik ist aber vorweg u.a. zu fragen:

Wie viele Menschen wohnen in Kirchlinteln und umzu ganz allein auf mehr als 80 Quadratmetern, und wie viele davon wären – auch mit gewissen Anreizen – freiwillig bereit, in eine kleinere Wohnung umzuziehen? Kann etwa der Einbau von Einliegerwohnungen in größeren Häusern Abhilfe schaffen? Ist „Wohnen für Hilfe“ eine Option, das heißt, dass junge Menschen bei älteren Personen einziehen und statt Miete zu zahlen im Haushalt oder Garten helfen und Gesellschaft leisten?

Für die Situationsbeschreibung sind diese drei Fragen nur als Beispiele zu betrachten. Der Fragenkatalog ist also nicht abschließend.

Wir stehen als grüne Ratsfraktion für klimafreundliche und nachhaltige Wohnraumpolitik und nicht für übermäßige Neubaugebiete contra Klimaschutz.

Verwandte Artikel