Prost. Bei Bowle mit Landrat Peter Bohlmann klärten die GRÜNEN, die nicht an Wahlkampfständen in Städten und Gemeinden im Einsatz waren, wie "grün" es weitergehen kann.

Meinungsaustausch mit
Landrat Peter Bohlmann bei Bowle

Geht es um nachhaltige Energienutzung, dann – so sieht es Landrat Peter Bohlmann – hat der Landkreis Verden mit seinen Eigenimmobilien die Nase vor. Denn rund 125.000 m² Dachflächen können genutzt werden für Photovoltaik-Anlagen, und zwar so, dass der erzeugte Strom gleich genutzt werden kann – ohne groß gespeichert werden zu müssen. Die Kreisverwaltung und alle landkreiseigenen Schulen, die alleine schon knapp 80 % dieser Dachflächen ausmachen, verbrauchen dann Strom, wenn er produziert wird.

Wie der Verwaltungschef zu den für GRÜNE wichtigen Fragen steht, das haben GRÜNE und Interessierte, die gerade nicht an Europawahlkampfständen auf Wochenmärkten im Einsatz waren, am Sonnabendvormittag (11. Mai) gemeinsam mit Peter Bohlmann bei Maibowle im Bio-Restaurant Liekedeeler ausgelotet.

Die Energie- und Klimaschutzagentur war deshalb „noch“ Thema, weil der Kreistagsbeschluss dazu vom September 2018 bereits einen Bart zu bekommen drohe, ohne dass sie offiziell an den Start gegangen sei. So formulierte es Erich von Hofe. Doch Bohlmann gab sich gelassen: „Es dauert halt, Beschlüsse umzusetzen, wenn acht Kommunen im Landkreis mit ins Boot genommen werden müssen. Im vierten Quartal dieses Jahres wird es aber offiziell losgehen. Der Geschäftsführer in spe – Michael Pelzl – arbeitet bereits beim Landkreis und auch nur noch für diese Themen.“

So werde gerade unter seiner Federführung analysiert, wie weit der Fuhrpark des Landkreises auf E-Mobilität umgestellt werden kann. „Die Garagen mit ihren photovoltaik-geeigneten Flachdächern können hervorragend zu Ladestationen umgerüstet werden, ohne große Speichervorrichtungen vorhalten zu müssen.“ Auch der Abfallhof Beppen soll demnächst mit Energie aus Sonne arbeiten – vor Ort produziert, vor Ort verbraucht. Insgesamt würden viele Vorarbeiten geleistet, die später in den Gemeinden als Blaupausen genutzt werden können. Ein flächendeckendes Netz „Schnellladestationen für den Individualverkehr“ hält Bohlmann im Landkreis Verden weder für realisierbar noch für notwendig. „Zunehmend wird der Privat-PKW zuhause geladen.“ Ein in den Augen der GRÜNEN nicht ganz nachvollziehbares Signal in die falsche Richtung. Mit einem fähigen Netzbetreiber wäre so ein Schnellladenetzt mit vertretbarem Aufwand machbar. 

Hochspannend das Thema „Schlachthöfe in der Fläche“. Ein urgrünes, wenn auch hier noch recht neu diskutiertes Thema, geht es doch um Tierwohl, kurze Transportwege, Stressreduzierung und um die Möglichkeit der Einzeltierverwertung. Aber es geht auch um Arbeitsbedingungen und Wertschätzung. Denn die katastrophalen Auswüchse unserer „immer mehr und immer billiger“-Landwirtschaftspolitik, die an den wenigen zentralen Großschlachthöfen für Mensch und Tier gleichermaßen unwürdige Verhältnisse geschaffene hat, können nicht die Zukunft sein. Und die Zustände im Tiertransport auf überfüllten Autobahnen und in immer größerer Sommerhitze verschlimmern die Situation.

Nicht zuletzt für die fleischproduzierenden Biolandwirte hängt davon zunehmend Wohl und Wehe ihrer Produktion ab. In ganz Niedersachsen gibt es keine Schlachtmöglichkeit mehr für Bio-Tiere. Extreme Transportweg – zum Schlachthof für konventionell gezogene Tiere immerhin schon bis Cloppenburg, für biologisch gezogene Tier gar bis nach Berlin – ergeben sich zwangsläufig und sind keineswegs mit Tierwohl vereinbar.

Bohlmann gab sich zurückhaltend bei diesem sensiblen Thema. Denn gut heißen kann auch der Landrat die derzeitige Situation nicht. Doch als behördliche Aufgabe will er den Wandel zum Besseren hier auch nicht verstanden sehen. „Das wird Aufgabe der landwirtschaftlichen Genossenschaften werden müssen, hier wieder andere Wege einzuschlagen.“ Keine leichte Aufgabe vor dem Hintergrund der hohen Normen in Deutschland und des hohen – zumindest hygienischen – Qualitätsanspruchs deutscher Verbraucherinnen und Verbraucher. „Wir haben die Situation, wie sie ist, ja auch, weil Normen und Qualitätsansprüche nur noch von großen Betrieben gewährleistet werden konnten – zumindest bei der Preispolitik, dass auch der kleinste Geldbeutel sich Fleisch leisten können soll.“

Womit man ja bei einem weiteren urgrünen Thema landet. Denn mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass wir weniger Fleisch essen müssen, für unsere Gesundheit, für unser Klima, für das Tierwohl. Wie Torsten Landshöft es formulierte: „Je mehr wir die industriellen Strukturen zulassen, desto mehr fällt das Tierwohl hinten herunter.“

Dieses Tierwohl steht auch im Fokus bei der „guten Mittagsverpflegung“ in den Schulen. Denn Bio ist möglich mit weniger Fleisch, das weiß auch Bohlmann über die Vorbilder aus Bremen. Doch ob nun bio oder regional oder konventionell produziert: Für Landrat Bohlmann ist die Mittagsverpflegung eher ein räumlich-personelles und damit über den Landkreis nicht lösbares finanzielles Problem. Mit guten Vorbildern ist es nicht getan. Die hätte man ja mit der Vorzeigeeinrichtung „Gymnasium am Wall“. Aber wo bei den landkreiseigenen Schulen nicht neu gebaut werden könne, wo sogar die Platznot schon durch die Rückumstellung von acht auf neun Schuljahre bis hin zum Abitur extrem sei, da wäre man halt nach wie vor auf Caterer angewiesen. Hier mit mehr Frische oder gar Bio fürs Schulessen punkten zu wollen, ginge halt nicht ohne die Gastronome. „Wir werden aber nicht umhin kommen“, so von Hofe, „hier dauerhaft für Qualität zu sorgen, denn die nachwachsende Generation an Schülerinnen und Schülern wird ja durch gutes Grundschulessen einen Anspruch haben, den die weiterführenden Schulen in Kreisträgerschaft  auch erfüllen können sollten.“ Das aber – wie an den gut funktionierenden Vorbildern abzulesen – muss mit Hilfe der Elternschaft gelingen, so Bohlmann. „Selbst wenn wir die eine oder andere Schule ausstatten können, können wir nicht auch noch Mengen an Personal vorhalten.“

Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann. Mit diesem wunderschönen Sprichwort, welches wir dem französischen Künstler Francis Picabia zu verdanken haben, hatte Moderator Wilhelm Haase-Bruns die Gesprächsrunde eröffnet. Und tatsächlich, vieles ist auch in der Verwaltung im Wandel. „In Sachen Verkehr können wir wirklich nicht so weitermachen wie bisher“, so Bohlmann. Obwohl die Achse – und als Achsenlandkreis bezeichnet er sein Verwaltungsgebiet – Dörverden-Verden-Langwedel-Achim auf dem Weg nach Bremen gut ausgebaut sei und gut funktioniere in Sachen ÖPNV, stehen die Straßen vor einem Kollaps. „Wir brauchen dringend neue Konzepte, müssen weg vom Individualverkehr.“

Warum Dörverden als Wohnstandort nicht mehr boomt, versteht Bohlmann nicht. „Das ist doch prima erreichbar. Das muss man mehr bewerben.“ Aber er hat auch Hoffnung. „Für die jungen Leute heute – die 18- bis 22-Jährigen – ist das Auto nicht mehr das Statussymbol. Wir können hoffen, dass wir bis 2025 noch große Veränderungen im Verkehrssektor erleben können.“ Wie weit Radschnellwege – mit bis zu 75 % gefördert durch den Bund und daher prinzipiell hochattraktiv – hier Teil der Lösung sein können, bliebe abzuwarten.

Interessant auf jeden Fall seine Einstellung zur Schülerbeförderung. Kostenlose Tickets, auf die die Nachfrage von Doris Gerken zielte – dafür ist der Landrat als Steuergeldverwalter nicht zu haben. Aber die Eltern auf dem Land dafür zu bestrafen, dass sie auf dem Land wohnen, indem die Tickets zur Schule ihrer Kinder teurer sind als die Tickets für nur eine Tarifzone – das sei überholt. Er will sich für einheitliche Ticketpreise einsetzen, die sich am Ziel orientieren, nicht an der Entfernung.

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