Summ, summ, summ?

In diesen Tagen schickt der Frühling seine ersten Vorboten: Die ersten Frühblüher zeigen sich, die Meisen entwickeln Interesse am Brutgeschäft, erste Insekten beginnen zu summen… So kennen wir das – aber wird das auch so bleiben? Tatsächlich berichten aktuelle wissenschaftliche Studien, dass es mit diesen scheinbaren Selbstverständlichkeiten bald vorbei sein könnte. Denn weltweit sterben Insekten achtmal schneller aus als Säugetiere, Vögel und Reptilien (und auch um diese ist es nicht gut bestellt). Die Gesamtmasse der Insekten sinkt jedes Jahr um 2,5% Prozent – damit könnten Insekten innerhalb eines Jahrhunderts von der Erde verschwunden sein, weshalb die Wissenschaftler, die weltweit Studien zum Artensterben ausgewertet haben, auch bereits vom sechsten Massenaussterben in der Geschichte des Planeten sprechen.

Grüne Panikmache? Ich finde nicht, denn aus vielen Gesprächen wissen wir, dass das offensichtliche Verschwinden der Insekten viele Menschen beschäftigt. Neulich erinnerte sich ein Nachbar, dass es noch nicht solange her sei, dass man nach einer Fahrt mit dem Auto über Land hinterher erstmal die Windschutzscheibe von den toten Insekten reinigen musste – heute sei da nicht eine Mücke. Und wann haben Sie das letzte Mal einen Schwalbenschwanz oder einen Bläuling gesehen?

Richtig beängstigend wird das Ganze, wenn wir bedenken, dass Insekten im Ökosystem ganz wesentliche Funktionen erfüllen: Sie sind Nahrung für Vögel, Reptilien und Säugetiere, sorgen für die Zersetzung von Biomasse und ohne sie werden Pflanzen nicht bestäubt – fast alle menschlichen Lebensmittel basieren auf das Zutun von Insekten.

Auch über die Ursachen des Insektensterbens haben die Wissenschaftler eindeutige Erklärungen: An erster Stelle ist dies die industrielle Landwirtschaft, die mit dem Einsatz von synthetischem Dünger, Pestiziden und neuartigen Insektiziden – wie Neonicotinoide – den Insekten auch über die eigentlich bewirtschafteten Flächen hinaus den Garaus machen. Hinzu kommt der Verlust von Lebensraum: ebenfalls durch intensive Landwirtschaft, aber auch durch die Versiegelung von Flächen für Straßen und Siedlungen. Und jetzt kommt die Klimakrise noch hinzu: Das sich viel zu schnell wandelnde Klima gibt vielen Arten (nicht nur den Insekten selbst, sondern auch Pflanzen) den Rest.

Das Insektensterben macht viele Menschen wütend: erst im Januar demonstrierten in Berlin Zehntausende gegen die Agrarindustrie und für eine ökologische, bäuerliche Landwirtschaft – auch viele Menschen aus dem Landkreis Verden waren dabei. In Bayern wurden bis gestern etwa eine Million Unterschriften beim „Volksbegehren Artenvielfalt“ gesammelt, um eine Kehrtwende in der Agrarpolitik einzufordern. Klar ist: die großen Weichen für eine andere Agrar- und Landnutzungspolitik müssen in Berlin und Brüssel gestellt werden.

Mehr Lebensräume in Verden

Aber auch wir in Verden sind am Zug! Bereits vor einigen Monaten hatte der Stadtrat einen Antrag der Grünen Stadtratsfraktion beschlossen: Grünstreifen und Ackerrandsteifen sollen insektenfreundlich bewirtschaftet werden. In der Februar-Ratssitzung kam ein neuer einstimmiger Rats-Beschluss dazu – ebenfalls aufgrund eines Grünen-Antrags: Die von der Stadt verpachteten Flächen sollen grundsätzlich insektenfreundlich bewirtschaftet werden. In einem neuen Grünen-Antrag beschäftigen wir uns mit den „Steinwüsten“, die mittlerweile insbesondere auf Grundstücken in Neubaugebieten zu finden sind – da summt garantiert keine Biene mehr. Wir fordern: Lebensräume für Insekten in der Stadt – und damit für Vögel und letztlich auch für Menschen.

Rasmus Grobe

In diesem Sinne wünsche ich einen artenreichen Vorfrühling.

Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen im Rat der Stadt Verden


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